Ilse Ernst (re.) und Elsbeth Lewin freuen sich darüber, dass die Mädchen und Jungen ihnen so gespannt zugehört haben. Foto: Bordfeld

Eisdorf (pb). Dass die Eisdorfer Kinder vor 1938 sowohl in der „Villa Lampe“ als auch im ehemaligen Küsterhaus und in der heutigen Heimatstube die Schulbank drücken mussten, erfuhren jetzt Dritt- und Viertklässler der Grundschule im Borntal, die vor 75 Jahren eingeweiht wurde. Dieses Jubiläum wird am Freitag, 24. Mai, und am Samstag, den 25. Mai gebührend gefeiert.

Im Rahmen der Projektwoche, die sich um die Eisdorfer Schulgeschichte drehte, plauderten Ilse Ernst und Elsbeth Lewin, 1937 und 1941 eingeschult, aus dem geschichtlichen Nähkästchen. Die beiden Informantinnen waren dazu in das Gebäude gekommen, an das sie noch viele Erinnerungen haben.

Elsbeth Lewin erzählte, dass sie von ihrer Einschulung erfuhr, als sie noch fünf Jahre alt war. Hauptlehrer Hartig hatte das amtliche Schriftstück ihren Eltern übergeben. Und so wurde sie am 1. August 1941 eingeschult, obwohl sie erst im September sechs wurde. Weil die Eltern nicht viel Geld hatten, erhielt sie keinen neuen Tornister, sondern den des großen Bruders. Ein Mädchen mit einem Jungentornister - das war nicht sehr angenehm.

Auch die Einschulung verlief ganz anders als heute. Der Pastor erzählte die Geschichte von Adam und Eva und den Apfelbäumen im Paradies. Weil im damaligen Pfarrgarten viele Apfelbäume standen, sei sie davon überzeugt gewesen, das Paradies vor Augen zu haben. Bei der Einschulung waren zumeist „nur“ die Mütter dabei, vorausgesetzt, die Feldarbeit erlaubte es ihnen. Und große Feiern gab es überhaupt nicht.

Ilse Ernst erinnerte sich daran, dass sie in der „Villa Lampe“ eingeschult wurde, die einem Fabrikanten gehörte, dem einzigen Eisdorfer, der damals ein Auto fuhr. Ein Mädchen, das noch heute ihre Freundin ist, trug damals Lackschuhe, die die junge Ilse völlig faszinierten. Gleiches taten auch die Süßigkeiten, die es so gut wie gar nicht gab. Auf die Frage, wo diese herkamen, teilte ein Lehrer ihnen mit, er habe einen Bonbonbaum im Keller. Und so wünschte sie sich von ganzem Herzen, einen Ableger davon zu erhaschen, was nie gelang.

Es gab auch nicht einzelne Klassen, stets wurden zwei Klassen zusammen unterrichtet. Die Schule war zumeist um 12 Uhr aus, und samstags stand ebenfalls Unterricht auf dem Stundenplan. Sport musste bis 1964  auf dem Schulhof durchgeführt werden, denn erst dann wurde die Turnhalle errichtet. 1961 wurde die Schule erweitert, denn das Gebäude war zu klein geworden.

Eine Heizung gab es 1938 nicht. Daher stand mitten im Klassenraum ein großer Ofen, der im Winter eingeheizt wurde. Dafür brachten die Schüler/innen auch Holz mit. Auf dem Ofen stand ein großer Kochtopf, in dem Milch erwärmt und den Schülern zum Trinken gegeben wurde.

In den Pausen wurde damals ebenfalls gespielt, „Stöckchen, Stöckchen, du musst wandern“ oder „Brüderchen, komm, tanz mit mir“ waren die „Renner“. Außerdem achtete der Hauptlehrer immer darauf, dass alle Mädchen und Jungen vor 20 Uhr von den Straßen verschwunden waren.

Die Kinder von heute wollten abschließend noch das schlimmste Erlebnis der beiden Erzählerinnen erfahren, das sie auch bereitwillig verrieten. Als die Amerikaner in Eisdorf Quartier bezogen, hatte sich schnell herumgesprochen, dass sie viele Süßigkeiten mitgebracht hatten. Da fassten einige Jungen einen Plan. Sie wollten durch ein Rückfenster einbrechen. Da dieses aber nur zu erreichen war, wenn sie die Söse durchquerten, bildeten sie eine Kette. Einer stieg ein und gab seine geklaute Beute weiter. Alle hatten für einen Moment das Gefühl, im Paradies zu sein. Doch am nächsten Morgen kam der Dorfpolizist in Begleitung des Kommandeurs in die Schule und berichtete dem Lehrer vom Diebstahl der Süßigkeiten. Alle Jungen, die mitgemacht hatten, sollten sich melden – was sie auch taten. Jeder erhielt eine Wolldecke. Damit beladen mussten sie sich im Gänsemarsch durch die Siedlung begeben, um eine Nacht im Gefängnis zu verbringen. Die Mädchen haben geweint, doch am nächsten Morgen waren die Jungen die Helden.

Abschließend wünschten die beiden Frauen der Schule, dass sie auch weiterhin ganz liebe und fleißige Kinder hat, und diese gesund bleiben sowie gerne Sport treiben mögen.

Zum Jubiläum der Schule findet am 24. Mai ein Festakt im Kultur- und Sportzentrum statt. Neben den Grußworten werden auch Gedanken ehemaliger Schüler sowie der Dritt- und Viertklässler der heutigen Zeit zu vernehmen sein. Viele Musikbeiträge werden das Programm abrunden. Im Anschluss wird im Schulgebäude eine Ausstellung zu einer erinnerungsreichen Reise in die Vergangenheit einladen.

Am Samstag, dem 25. Mai, wird das Doppeljubiläumsfest der Grundschule und des Fördervereins der ev. Kindertagesstätte St. Georg von 14 bis 17 Uhr auf dem Schulhof gefeiert. Dabei werden Aufführungen aus alten und aus neuen Zeiten zu sehen sein und Führungen durch die Schule angeboten.

Gegen 16.50 Uhr werden die ältesten „Schüler/innen“ ermittelt, deren Einschulung am längsten zurückliegt. Mit der Übergabe eines Anerkennungspräsentes und einem Abschiedslied klingt das Doppeljubiläumsfest langsam aus.